Stil als Zeichen.
Funktionen - Brüche - Inszenierungen
"Stil" gilt heute als problematische Kategorie. Die Pluralität
der Lebensformen lässt keine eindeutigen Stile mehr zu, Computerisierung
und technische Vernetzung führen zu weltweiter Vereinheitlichung,
die Politik der Globalisierung löst soziale und historische Identitäten
auf, Theorie und Ästhetik der Postmoderne feiern den Synkretismus,
die "Vermischung", das Ende aller Stile.
Im Gegenzug dazu erleben wir eine extreme Individualisierung, die auf
Inszenierung und Selbstdarstellung setzt, eine theatrale Stilisierung
des Alltags, ein offensives Bedürfnis nach Unterscheidung und Besonderung
sowie eine extensive Ausdifferenzierung persönlicher, gruppenspezifischer,
ethischer und subkultureller Distinktionsmerkmale bis hin zur Entwicklung
spezieller Politik-, Unternehmens-, Körper- und Ethikstile.
Das Spannungsfeld dieser Tendenzen macht heute die Problematik und Aktualität
des Stilbegriffs aus. Neben seiner klassischen Verwendung in Sprach-
und Literaturwissenschaft sowie in Architektur und Kunst zeichnet sich
eine Rehabilitierung und Ausweitung seiner Verwendung ab. Die Rede ist
von Diskursstilen, von Wissenschafts- und Laborstilen; darüber
hinaus etablieren sich Alternativstile, Stile des "Nichtstils",
des "Queerings" und der Identitätslosigkeit.
Allerdings ist Stil ein schwer auszulotendes Phänomen. Es oszilliert
zwischen dem Allgemeinen und Besonderen, es gestattet ebenso Separation
wie sich als Teil einer Ordnung zu konstituieren. Damit ist das Problem
seiner theoretischen Bestimmung aufgeworfen, seiner Explikation als
komplexes Zeichen, als semiotischer Grenzbegriff. Darüber hinaus
stellt sich die Frage seiner Verortung und Abgrenzung in einem ganzen
System verwandter Begriffe wie Typus, Schema, Muster, Stereotyp, Klischee,
Manier etc. Gefragt ist also nach einem semiotischen Zugriff, einer
Diskussion von Stil als Zeichen in bezug auf Freiheits- und Lebensstile,
auf Gender, Cross-Culture und Gegenkulturen, auf Handlungsstile, Stildifferenzen
und Stilentwicklungen sowie auf Pluralismus, Entstilisierungen und Stilbrüchen.
Die im Anhang vorgestellten Sektionen versuchen der thematischen Vielfalt
des Themenspektrums gerecht zu werden; es handelt sich primär um
interdisziplinäre oder intermediale Arbeiten aus allen wissenschaftlichen
Sparten und Disziplinen von der Architektur und Bildwissenschaft über
Biologie und Informatik bis zur Geschichte und Religionswissenschaft.
Weitere Informationen auch
unter.
http://www.semiotik.org